
Neurodivergenz
ADHS und Hormone: Was dein Zyklus mit deiner ADHS zu tun hat
ADHS-Symptome können mit dem Zyklus schwanken, hast du das schonmal beobachtet? Das liegt daran, dass Östrogen direkt das Dopaminsystem beeinflusst. Das hat natürlich auch Auswirkungen in der Perimenopause und erklärt, wieso viele Menschen mit Zyklus genau dann die ADHS-Diagnose erhalten.
Vielleicht kennst du das: In manchen Wochen läuft vieles leichter, du kommst gut in die Gänge, kannst dich halbwegs fokussieren, fühlst dich in deinem Kopf zu Hause. Und dann gibt es diese anderen Wochen, in denen alles schwerer ist als sonst: du explodierst bei Kleinigkeiten und deine Konzentration lässt sehr zu wünschen übrig.
Wenn du ADHS hast und menstruierst, ist das vielleicht ein hormonelles Muster, das viele Betroffene kennen, das aber noch immer recht unbekannt ist.
Östrogen, Dopamin und ADHS
ADHS hängt eng mit einer Dysregulation des Dopaminsystems zusammen. Dopamin ist ein Botenstoff im Gehirn, der Netzwerke für Konzentration, Motivation und Aufmerksamkeit steuert. Bei ADHS ist zu wenig Dopamin im synaptischen Spalt vorhanden, was dazu führt, dass sich diese Netzwerke schlechter steuern lassen. Das ist der Grund, warum es vielen Betroffenen schwerfällt, Aufgaben anzufangen, Impulse zu regulieren oder emotionale Stabilität zu erleben.
Was viele nicht wissen: Östrogen ist direkt an der Dopaminregulation beteiligt. Es steigert die Bildung von Dopamin und fördert seine Ausschüttung, sodass insgesamt mehr Dopamin zur Verfügung steht. Wenn der Östrogenspiegel sinkt, sinkt damit auch die Dopaminverfügbarkeit im Gehirn.
Für Menschen ohne ADHS gleicht das Gehirn diese Schwankungen gut aus. Für Menschen mit ADHS, deren Dopaminsystem ohnehin schon dysreguliert ist, können selbst moderate Veränderungen des Östrogenspiegels spürbare Auswirkungen haben. Das Gehirn hat einfach weniger Puffer.
ADHS und der Menstruationszyklus
Der Zyklus lässt sich grob in vier Phasen einteilen, in denen sich jeweils die Hormonzusammensetzung verändert.
In der Follikelphase (etwa Tag 6 bis 14) steigt der Östrogenspiegel an. Für viele Menschen mit ADHS ist das die Phase, in der die Symptome am wenigsten belastend erlebt werden, Konzentration und Motivation fühlen sich etwas zugänglicher an.
Rund um den Eisprung erreicht der Östrogenspiegel seinen Höhepunkt. Kurz danach beginnt die Lutealphase, also die zweite Zyklushälfte, in der das Östrogen sinkt und Progesteron ansteigt. Das wird häufig als die schwierigste Phase wahrgenommen. Der Dopaminpuffer, den das Östrogen bietet, schmilzt weg.
In den Tagen kurz vor der Menstruation fallen dann beide Hormone (Östrogen und Progesteron) ab. Diese Phase beschreiben betroffene Personen wie einen emotionalen Absturz: massive Dysphorie, Erschöpfung, Antriebslosigkeit, extreme Reizbarkeit, das Gefühl, dass die Welt untergeht. Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychosomatik mit Spezialisierung auf ADHS bei Frauen, beschreibt im MDR-Podcast Hormongesteuert, dass gut die Hälfte ihrer Patientinnen mit ADHS eine deutliche Zyklusabhängigkeit der Symptome erlebt. Bei manchen beginnt die Verschlechterung schon ab der Zyklusmitte.
Das prämenstruelle Syndrom tritt bei Menschen mit ADHS deutlich häufiger auf als ohne ADHS. Woran das liegt, ist nicht abschließend geklärt, aber der Zusammenhang zwischen sinkendem Östrogen, abnehmendem Dopamin und verstärkter ADHS-Symptomatik gilt als neurobiologisch plausibel und wird zunehmend untersucht.

Was die Forschung bisher zeigt: Eine leichte, vorübergehende Anpassung der Stimulanziendosisin der prämenstruellen Phase kann eine deutliche Verbesserung bringen. In einer klinischen Pilotstudie berichteten die neun Teilnehmerinnen von einer Verbesserung ihrer ADHS- und Stimmungssymptome nach einer Dosiserhöhung. Ob das für dich in Frage kommt, ist eine Entscheidung, die du mit deiner psychiatrischen Fachpraxis besprechen solltest, bitte probiere das nicht auf eigene Faust.
Perimenopause und Spätdiagnose
Menstruierende Menschen, die jahrzehntelang gut funktioniert haben, kommen in der Perimenopause an eine Grenze. Plötzlich geht vieles nicht mehr, was vorher irgendwie ging. Die Konzentration bricht weg, Erschöpfung ist allgegenwärtig, Stimmungsschwankungen nehmen zu. Manche haben den Eindruck, an einer beginnenden Demenz zu erkranken (ohne dass dies tatsächlich so wäre).
Oft steckt eine bisher unentdeckte ADHS dahinter, die nun durch den hormonellen Wandel erstmals deutlich sichtbar wird.
Dr. Katrin Schaudig, Frauenärztin und Präsidentin der Deutschen Menopause-Gesellschaft, berichtet im selben Podcast, dass sie häufiger erlebt, wie Patient:innen, die wegen Wechseljahresbeschwerden zu ihr kamen, zeitgleich eine neue ADHS-Diagnose erhielten. Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz erklärt warum: Viele dieser Personen waren hochfunktional, haben ihre ADHS mit enormem Aufwand kompensiert und dabei über Jahre ihre Energie aufgezehrt. Wenn dann die hormonellen Schwankungen der Perimenopause dazukommen, reicht die Kapazität nicht mehr aus.
Was die Perimenopause besonders herausfordernd macht, ist nicht einfach nur ein sinkender Östrogenspiegel. Es ist die extreme Schwankungsbreite. Dr. Schaudig beschreibt, dass der Östrogenspiegel in dieser Phase nicht graduell sinkt, sondern wild schwankt: höhere Höhen und tiefere Täler als je zuvor. Für das ADHS-Dopaminsystem, das ohnehin weniger Puffer hat, ist das eine erhebliche zusätzliche Belastung.
Hinzu kommt, dass sich ADHS-Symptome und typische Wechseljahresbeschwerden stark überschneiden: Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Schlafstörungen, emotionale Instabilität, Erschöpfung. Bis zu 60 % der Betroffenen berichten in den Wechseljahren von solchen kognitiven Einbußen, die oft als Brainfog bezeichnet werden. Das macht eine saubere Diagnostik schwieriger, bedeutet aber auch, dass gerade in dieser Lebensphase genauer hingeschaut werden sollte. Genauso wichtig ist es, andere Ursachen auszuschließen, die ähnliche Beschwerden verursachen, z. B. eine Schilddrüsenerkrankung, Schlafapnoe oder seltener, eine beginnende neurodegenerative Erkrankung.
Die Praxis zeigt, dass Menschen mit ADHS in der Perimenopause häufig von einer Kombination aus ADHS-Behandlung und Hormonersatztherapie profitieren können. Dr. Neuy-Lobkowicz rät betroffenen Frauen ausdrücklich, beides in Betracht zu ziehen und dafür sowohl die psychiatrische als auch die gynäkologische Fachpraxis einzubeziehen. Welche Kombination und Dosierung sinnvoll ist, lässt sich nur im Einzelfall und in enger Abstimmung mit den behandelnden Praxen klären.
Aus einer systematischen Review von Osianlis et al. (2025) geht übrigens hervor, dass es zum Thema ADHS in der Menopause bislang kaum empirische Studien gibt. Die Forschungslage ist dünn, obwohl klinische Beobachtungen und Erfahrungsberichte Betroffener sehr konsistent in dieselbe Richtung zeigen. Das ist selbst ein wichtiger Befund: Hier besteht erheblicher Nachholbedarf.
Was das für dich bedeutet
Wenn du einen Zusammenhang zwischen deinem Zyklus und deiner ADHS beobachtest, lohnt es sich, das aktiv anzusprechen. Weder in der gynäkologischen noch in der psychiatrischen Praxis ist das Zusammenspiel von ADHS und Hormonen bislang Routinethema.
Ein erster konkreter Schritt kann sein, über einen oder zwei Zyklen ein kurzes tägliches Protokoll zu führen. Nicht aufwendig, nur ein paar Zeilen: Wie stark sind meine typischen Symptome heute? Wie ist die Stimmung? Gibt es Auffälligkeiten? Dieses Protokoll kann dir helfen, Muster zu erkennen und es ist eine wertvolle Grundlage für das Gespräch mit deiner Praxis.
Was du außerdem selbst in der Hand hast, sind Schlaf und Bewegung. Regelmäßige Bewegung verbessert bei ADHS nachweislich Aufmerksamkeit, Konzentration und Stimmung, und in den Wechseljahren lindert sie zusätzlich Beschwerden wie Hitzewallungen. Guter Schlaf wirkt in dieselbe Richtung, denn schlechter Schlaf zieht Konzentration und Stimmung weiter nach unten. Das ersetzt natürlich keine Behandlung und die Symptome verschwinden nicht einfach, es kann den Alltag aber spürbar entlasten.
Wenn du in der Perimenopause bist und merkst, dass deine ADHS-Symptome sich verschlechtern oder sich neue kognitive Schwierigkeiten zeigen, ist es sinnvoll, auch die gynäkologische Praxis einzubeziehen.
Quellen
- Frey J (2026). Frauen mit ADHS. Diagnostik und Interventionen in Therapie und Coaching. Bern: Hogrefe. ISBN 9783456964034.
- Krause J, Krause K-H (2014). ADHS im Erwachsenenalter (4. Auflage). Stuttgart: Schattauer.
- Osianlis E, Thomas EHX, Jenkins LM, Gurvich C (2025). ADHD and Sex Hormones in Females: A Systematic Review. Journal of Attention Disorders, 29(9), 706-723. doi: 10.1177/10870547251332319
- Hormongesteuert, MDR (Oktober 2025). Folge #40: ADHS und Wechseljahre, eine explosive Mischung. Mit Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz und Dr. Katrin Schaudig. Verfügbar in der ARD Audiothek.


