
Neurodivergenz
Medikamente bei ADHS
Medikamente bei ADHS? Ein Thema mit vielen Mythen und berechtigten Fragen. Dieser Artikel erklärt, wie Stimulanzien wirken, was die Behandlung bei Erwachsenen besonders macht, was es mit dem BTM-Rezept auf sich hat und worauf du beim Reisen mit Medikamenten achten musst.
Die Frage nach Medikamenten taucht beim Thema ADHS regelmäßig auf und das ist gut so! Denn sie ist berechtigt, wichtig und darf ausführlich beantwortet werden. Gleichzeitig ranken sich um das Thema aber auch viele Missverständnisse. Dieser Artikel soll ein bisschen Licht ins Dunkel bringen: Wie wirken Medikamente bei ADHS eigentlich? Was müssen Betroffene wissen und was ist gar nicht so kompliziert, wie es klingt?
Dieser Blogartikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Untersuchung oder Behandlung. Er enthält keine medizinischen Empfehlungen, insbesondere keine Hinweise zur Diagnose, Dosierung oder Therapieentscheidung. Für alle Fragen zur medikamentösen Behandlung, zu Nebenwirkungen oder zur Dosierung ist ausschließlich Ihre behandelnde ärztliche Fachpraxis zuständig. Bitte treffen Sie keine medizinischen Entscheidungen auf Basis dieser Informationen.
Warum Medikamente bei ADHS helfen können
ADHS ist mit Auffälligkeiten im Gehirnstoffwechsel verbunden. Vereinfacht gesagt spielen dabei vor allem drei Botenstoffe eine Rolle: Dopamin (verantwortlich für Antrieb und Motivation), Noradrenalin (Aufmerksamkeitsleistung) und Serotonin (an der Impulsregulation beteiligt).
Stimulanzien (die häufigste Medikamentengruppe bei ADHS, z. B. Methylphenidathydrochlorid, Lisdesamfetamin) wirken vor allem auf den Dopaminhaushalt und können dadurch bei den meisten Erwachsenen die Symptomatik deutlich verbessern.
Das bedeutet nicht, dass Medikamente immer der einzige Weg sind. Bei leichter Ausprägung kann auch alleinige Therapie oder Coaching viel bewegen. Allerdings muss hier berücksichtigt werden, ob die Symptomatik deshalb leicht erscheint, weil viel kompensiert wird. Das kann auf die Dauer sehr anstrengend sein und den Einsatz von Medikation durchaus rechtfertigen. Bei stärkerer Symptomatik zeigt sich immer wieder: Defizite werden durch Medikation erheblich besser, verschwinden aber auch hier in aller Regel nicht vollständig.
Besonders drei Symptombereiche sprechen erfahrungsgemäß kaum auf Therapie alleine an:
- Hyperaktivität (also innere Unruhe, ständiges Denken, dieses „Nicht-zur-Ruhe-kommen"),
- emotionale Instabilität (Stimmungsschwankungen, starke Gefühlsreaktionen, schnelle Reizbarkeit)
- Schwierigkeiten bei der Aufmerksamkeitslenkung.
Hier ist Medikation häufig der entscheidende Baustein.
Was die medikamentöse Behandlung bei Erwachsenen mit ADHS besonders macht
Was viele Menschen überrascht: Die Einstellung auf ein ADHS-Medikament ist bei Erwachsenen etwas aufwendiger als bei Kindern. Das liegt daran, dass die Verarbeitung des Wirkstoffs im Erwachsenenalter stärkeren individuellen Einflüssen unterliegt, zum Beispiel durch Hormone. Auch der bei Kindern bekannte Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Dosis gilt bei Erwachsenen schlichtweg nicht.
Es kann bis zu zwei Monate dauern, bis die volle Wirkung der Medikation aufgebaut wurde, etwas Geduld ist also gefragt.
Dass ein Gewöhnungseffekt eintreten würde, trifft nicht zu. Die Dosis muss nach längeren Zeiträumen üblicherweise nicht erhöht werden.
Ein eigenes Thema sind Hormone und ADHS. Bei menstruierenden Menschen besteht ein relevanter Zusammenhang zwischen Dopamin und Östrogen. Viele berichten von verstärkten prämenstruellen Beschwerden. Und auch in der (Peri-)Menopause lohnt sich ein Gespräch mit der behandelnden Praxis: Eine Hormonersatztherapie kann dort zusätzlich die ADHS-Symptomatik lindern. Zum Thema ADHS und Wechseljahre gibt es eine eigene Folge bei Hormongesteuert. Der Zusammenhang zwischen Zyklus und ADHS wird erfreulicherweise mittlerweile verstärkt wissenschaftlich untersucht und findet auch Berücksichtigung bei der Medikation.
Das BTM-Rezept - klingt komplizierter als es ist
Viele ADHS-Medikamente fallen unter das Betäubungsmittelgesetz. Das klingt erst mal bedrohlich, bedeutet in der Praxis aber vor allem: Es gibt ein spezielles Rezeptformular, das innerhalb von sieben Tagen in der Apotheke eingelöst werden muss. Ausgestellt wird es in der Regel durch die psychiatrische Fachpraxis. Wenn bereits ein psychiatrischer Befund vorliegt, können teilweise auch hausärztliche Praxen Folgerezepte ausstellen.
Und noch etwas zum Abhängigkeitspotenzial, weil die Frage fast immer kommt: Es konnte bisher nicht nachgewiesen werden, dass Stimulanzien bei Kindern oder Erwachsenen eine Abhängigkeit verursachen. Es ist eher so, dass eine unbehandelte ADHS mit einem erhöhten Suchtpotential einhergehen kann. Medikation kann dabei helfen, dass es nicht zu Süchten kommt, bzw. stabile Abstinenz leichter wird.
Nebenwirkungen
Natürlich gibt es wie bei jedem Medikament Nebenwirkungen. Welche das im Einzelfall sein können, klärt am besten die behandelnde Praxis oder die Apotheke. Eines kommt jedoch häufiger vor, besonders zu Beginn: Kopfschmerzen, wenn die Wirkung nachlässt. Das ist lästig, gibt sich aber üblicherweise nach wenigen Tagen.
Ein Gedanke, der mir in der Praxis wichtig ist: Eine unbehandelte ADHS ist nicht risikolos. Sie führt häufig zu riskantem Verhalten, Begleiterkrankungen und erhöhtem Konsum von Nikotin und Alkohol. Vermittelt über diese Effekte, ist die Lebenserwartung bei unbehandelter ADHS im Schnitt um mehrere Jahre verkürzt. Die Abwägung sieht für viele Betroffene damit klarer aus, als sie anfangs erscheinen mag.
Reisen mit ADHS-Medikamenten
Das ist ein praktisches Thema, das gerne unterschätzt wird. Wer mit Betäubungsmitteln reist, braucht die richtigen Papiere. Die behandelnde Praxis stellt sie aus, aber man muss rechtzeitig daran denken.
- Für Reisen innerhalb des Schengen-Raums braucht es eine ausgefüllte und durch die oberste Landesbehörde beglaubigte Bescheinigung der Praxis. Das zugehörige Formular gibt es beim BfArM.
- Für Reisen außerhalb des Schengen-Raums wird eine mehrsprachige Bescheinigung mit deutlich mehr Angaben benötigt, die ebenfalls beglaubigt werden muss. Informationen dazu (und zu den länderspezifischen Bestimmungen) finden sich beim International Narcotics Control Board (INCB): www.incb.org/incb/en/travellers
Im Zweifelsfall hilft die deutsche diplomatische Vertretung im Ziel- oder Transitland weiter. Und die ausführlichen Informationen des BfArM findet man hier: www.bfarm.de – Reisen mit Betäubungsmitteln
Da ich in Karlsruhe arbeite, folgt hier der Link zu den Informationen des Landratsamtes Karlsruhes: https://www.landkreis-karlsruhe.de/index.php?ModID=7&FID=3051.5495.1&object=tx%7C3051.5495.1
Die Eindosierung
Viele psychiatrische Praxen führen vor dem Start eine Kontrolle von EKG und Blutwerten durch. Die Eindosierung beginnt üblicherweise mit niedrigen Dosierungen, die schrittweise angepasst werden. Das genaue Vorgehen legt immer die behandelnde Praxis fest, das ist keine Entscheidung, die man selbst trifft.
Zwei Dinge sind dabei wichtig zu wissen:
- Nicht alle Erwachsenen sprechen auf denselben Wirkstoff an. Bei etwa einem Viertel der Betroffenen zeigt das erste Medikament keine ausreichende Wirkung – dann kann ein Wechsel zu einem anderen Präparat sinnvoll sein.
- Zu hohe Dosen äußern sich manchmal anders, als man erwarten würde. Erneute Unruhe, verstärkte Konzentrationsprobleme oder zunehmende Gedrücktheit können Zeichen einer Überdosierung sein und nicht dafür, dass das Medikament nicht wirkt. Das ist ein häufiges Missverständnis, das die Behandlung unnötig verlängern kann.
Zu Beginn der Eindosierung empfehlen außerdem viele Praxen, koffeinhaltige Getränke vorübergehend zu reduzieren, um Herzrasen zu vermeiden
Das Symptomprotokoll: unterschätzt, aber hilfreich
Eine Empfehlung, die ich meinen Patient:innen mitgebe: Führe während der Eindosierung ein kurzes tägliches Protokoll. Wer seine Wahrnehmung in dieser Phase genau im Blick hat, kann besser einschätzen, ob und wie das Medikament wirkt und verpasst nicht, wenn die optimale Dosis schon erreicht oder vielleicht sogar überschritten wurde.
Das muss nicht aufwendig sein. Es reicht, täglich kurz festzuhalten: Wie stark sind meine typischen Symptome heute (Skala 1–10)? Was war anders als sonst? Gibt es Nebenwirkungen? Was melden andere zurück?
Diese Notizen sind übrigens auch für die behandelnde Praxis bei Kontrollterminen sehr hilfreich, ein kleiner Aufwand mit echtem Nutzen.
Ich hoffe, dieser Überblick macht das Thema etwas greifbarer. Bei konkreten Fragen zur eigenen Medikation ist immer die behandelnde psychiatrische Praxis die richtige Anlaufstelle.


