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Unerkannte ADHS: Warum das Nicht-Wissen so viel kostet

Neurodivergenz

Unerkannte ADHS: Warum das Nicht-Wissen so viel kostet

Viele Menschen wissen nicht, dass sie ADHS haben. Sie funktionieren, kämpfen, zweifeln an sich selbst und ahnen nicht, dass es einen Namen für das gibt, was sie jeden Tag erleben. Was eine unerkannte ADHS anrichten kann, warum der Leidensdruck so oft unsichtbar bleibt und was sich verändert, wenn die Diagnose endlich kommt.

Drei Gesichter einer unerkannten ADHS

Lisa, 38. Projektmanagerin. Auf dem Papier: alles im Griff.

Ich habe fünf To-Do-Apps auf dem Handy, alle synchronisiert, alle farbkodiert. Mein Kalender ist ein Kunstwerk, und ich stehe morgens auf und weiß genau, was zu tun ist. Abends gehe ich nochmal alle Punkte durch, die ich vergessen haben könnte.

Von außen sieht das nach Disziplin aus. Meine Kolleg:innen fragen mich um Rat, wie ich das alles hinbekomme. Ich lache dann nur etwas verlegen.

Was sie nicht sehen: dass ich abends so erschöpft bin, dass mir das Sprechen schwerfällt, dass ich Verabredungen manchmal absage, weil ich an diesem Tag schon so viel Energie damit verbraucht habe, normal zu wirken, dass für eine weitere Person einfach nichts mehr übrig ist. Wenn irgendetwas schiefläuft, eine Deadline sich verschiebt oder jemand einen Plan ändert, fühle ich mich wie ein zusammenklappender Karton, und ein einziger unerwarteter Anruf kann meinen ganzen Morgen aus dem Rhythmus bringen.

Ich dachte lange, ich sei einfach ein Kontrolltyp, vielleicht ein bisschen ängstlich, perfektionistisch halt, so wie viele Frauen in meinem Job. Ich habe nie in Frage gestellt, warum ich so viel Aufwand brauche, um das hinzubekommen, was andere scheinbar mühelos erledigen.

Als mir meine Ärztin schließlich sagte, dass all diese Strategien, die ich mir über Jahrzehnte aufgebaut habe, kein Zeichen von Stärke seien, sondern von einem Gehirn, das sich selbst kompensiert, musste ich erstmal schlucken. Ich war nicht diszipliniert. Ich hatte keine andere Wahl.

Mehr dazu, wie Kompensation bei ADHS aussieht, findest du hier: Wenn ADHS verborgen bleibt: Kompensation verstehen

Jana, 31. Grafikdesignerin. Kreativ, spontan, ständig am Scheitern.

Ich weiß nicht, wie viele wichtige Briefe ich schon gesucht habe. Manche tauchten Wochen später wieder auf, manche nie.

Mein Schreibtisch sieht aus, als hätte jemand einen Aktenschrank umgeworfen. Ich fange fünf Dinge gleichzeitig an und bringe keines zu Ende, sage Dinge, die ich bereue, noch bevor ich fertig gesprochen habe. Ich vergesse Verabredungen nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil sie im nächsten Moment nach der Vereinbarung einfach wie weg sind. Manchmal weine ich aus reiner Frustration darüber, dass ich es mal wieder nicht geschafft habe, eine einzige Aufgabe anzufangen, nur diese eine, die schon seit drei Wochen auf der Liste steht.

Ich habe lange gedacht, ich sei faul oder zu dumm oder beides. Meine Mutter hat das so formuliert: 'Du hast so viel Potenzial, wenn du dich nur mal zusammenreißen würdest.'

Meine Therapeutin damals behandelte mich wegen Depression, dann wegen Angststörung. Es wurde nicht schlechter, aber auch nicht wirklich besser. Wir haben viel über meine Kindheit gesprochen, über Muster und Glaubenssätze, was nicht falsch war, aber den Kern nie erreicht hat. Irgendwann sagte sie, vielleicht sei ich einfach so. Das lies mich ratlos und unbefriedigt zurück.

Ich weiß jetzt, dass die Ursache nicht tief vergraben lag und man nicht jahrelang hätte graben müssen. Sie war die ganze Zeit da, in meiner Neurologie, in der Art, wie mein Gehirn Informationen verarbeitet, in einem Dopaminhaushalt, der einfach anders funktioniert. Seitdem bin ich öfter milder mit mir. Nicht jeden Tag, aber öfter als vorher.

Mara, 44. Lehrerin, Mutter von zwei Kindern. Diagnostiziert mit 41.

Mit 41 habe ich erfahren, dass ich ADHS habe. Meine erste Reaktion war Wut, nicht auf mich selbst, sondern auf alle, die es hätten sehen können.

Ich war das Kind, das träumte und in Aufsätzen abschweifte. In der Schule sagte man über mich: 'könnte mehr leisten, wenn sie sich anstrengen würde'. Ich habe mich angestrengt, die ganze Zeit, aber niemand hat das gesehen, weil ich nicht hyperaktiv war, nicht laut, nicht auffällig. Ich war still und verloren, und das wurde mit Faulheit verwechselt.

Als Erwachsene habe ich einfach weitergemacht: bin Lehrerin geworden, habe zwei Kinder großgezogen und funktioniert. Was mich das gekostet hat, war nach außen hin nicht sichtbar. Nach jedem langen Schultag habe ich Stille gebraucht, die ich nie wirklich bekommen konnte. Ich habe Papierkram aufgeschoben bis es nicht mehr ging und mich dafür geschämt. Ich habe mich in Gesprächen verloren und mir gedacht, es liege eben an mir.

Was die Diagnose verändert hat? Ich schäme mich nicht mehr.

Ich weiß jetzt, warum mich Lärm so viel mehr erschöpft als andere und warum Papierkram sich für mich anders anfühlt als für meine Kolleg:innen. Ich weiß, warum ich nach einem vollen Tag manchmal einfach nicht mehr sprechen kann, nicht mal mit meinen Kindern, die ich über alles liebe. Und dieses Wissen ist eine große Entlastung.

Leidensdruck ohne Erklärung

Einer der folgenreichsten Aspekte einer unerkannten ADHS ist nicht die ADHS selbst, sondern das Nicht-Wissen. Wer nichts von der eigenen ADHS weiß, sucht die Ursache für die Schwierigkeiten zwangsläufig woanders und landet dabei meistens bei sich selbst. Zu wenig Disziplin, zu wenig Willenskraft, zu viel Chaos. Das Scheitern wird auf die eigene (vermeintlich mangelnde) Intelligenz, Fähigkeiten und Kompetenz bezogen.

Das ist keine irrationale Schlussfolgerung, sondern eine ganz logische, wenn einem nie erklärt wurde, dass das eigene Gehirn anders funktioniert. Menschen möchten nun mal Erklärungen für ihr Verhalten und arbeiten mit dem Wissensstand und den Informationen, die sie haben.

Und das hat Konsequenzen: Menschen mit unerkannter ADHS haben häufig einen erheblichen Leidensdruck, ohne klar benennen zu können, woher er kommt. Denn viele ADHS-Symptome sind alltäglich und werden von allen Menschen immer mal wieder erlebt. Das macht es schwerer, sich Hilfe zu holen und leichter, das eigene Erleben klein zu reden: anderen geht es doch viel schlechter oder genau so, ich hab doch eigentlich keinen Grund. Diesen Grund gibt es aber. Er ist nur lange unsichtbar geblieben.

Wenn andere Diagnosen die ADHS verdecken

Eine unbehandelte ADHS kommt selten allein. Bei Erwachsenen mit ADHS treten in etwa 80 Prozent der Fälle weitere psychische Erkrankungen auf und das ist kein Zufall. Sie sind häufig direkte Folgen des jahrelangen Umgangs mit einem Gehirn, das man nicht versteht.

Depression gehört zu den häufigsten Begleiterkrankungen. Wenn jemand über Jahre das Gefühl hat, zu versagen und sich nicht zusammenreißen zu können, hinterlässt das Spuren. Die anhaltende Selbstkritik, die Erschöpfung durch Kompensation, das Gefühl, nie wirklich anzukommen: das ist ein fruchtbarer Boden für depressive Episoden. Studien zufolge entwickeln bis zu 53 Prozent der Erwachsenen mit ADHS im Laufe ihres Lebens eine Depression.

Angststörungen entstehen ähnlich häufig, oft als Reaktion auf chronische Überforderung oder als der Versuch eines (hyperaktiven) Gehirns, Anregung zu schaffen.

Auch Schlafstörungen, Suchterkrankungen und Essstörungen kommen bei Menschen mit ADHS deutlich häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung.

Das eigentliche Problem dabei ist nicht nur, dass diese Erkrankungen entstehen, sondern dass sie häufig behandelt werden, ohne zu prüfen, ob eine mögliche Neurodivergenz vorliegt. Wer wegen einer Depression in Therapie geht, bekommt eine Behandlung für die Depression, aber wenn die ADHS im Hintergrund bleibt, bleibt auch die eigentliche Ursache unberührt.

Besonders bei Frauen ist das ein verbreitetes Muster. Das klassische Bild eines hyperaktiven, unaufmerksamen Schuljungen prägt nach wie vor das öffentliche Verständnis von ADHS, während Frauen häufig ein anderes Symptombild zeigen: weniger Hyperaktivität nach außen, mehr innere Unruhe, mehr Kompensation, mehr Selbstzweifel. So bleibt die ADHS unerkannt, und andere Diagnosen treten in den Vordergrund.

Eine der häufigsten Fehldiagnosen ist dabei die Borderline-Persönlichkeitsstörung, deren Überschneidungen mit ADHS erheblich sind: emotionale Dysregulation, impulsives Verhalten, ein brüchiges Selbstbild. Beides kann sich von außen und von innen sehr ähnlich anfühlen, der Unterschied liegt in der Ursache und damit auch in der Behandlung.

Infografik, die die Folgen einer unerkannten ADHS noch einmal zusammenfasst.

Was das mit dem Selbstwert macht

Stell dir vor, du wächst auf und merkst, dass dir vieles schwerer fällt als anderen. Du verlierst Sachen, vergisst Dinge, wirst impulsiv und sagst etwas, das du nicht sagen wolltest, fängst Projekte an und bringst sie nicht zu Ende. Du bist zu laut, zu viel, zu unruhig oder du bist nicht präsent oder nicht fokussiert genug.

Dein Verhalten wird in der Folge permanent von Eltern, Lehrkräften, Partner:innen, Arbeitgeber:innen kommentiert. Manche davon sind offen kritisch, manche gut gemeint, aber das Ergebnis ist dasselbe. Du internalisierst: Wenn das alle zu mir sagen, dann haben die wohl recht. Mit mir stimmt etwas nicht.

Dieser Prozess wiederholt sich über Jahre, manchmal Jahrzehnte und er hinterlässt ein Selbstbild, das auf Zweifeln und Versagen aufgebaut ist. Nicht auf echtem Versagen, sondern auf dem Missverhältnis zwischen dem, was erwartet wurde und dem, was ein ADHS-Gehirn ohne Unterstützung leisten kann.

Lachenmeier beschreibt in 'Mit ADHS erfolgreich im Beruf', wie dieses brüchige Selbstbild oft der unsichtbare Kern hinter beruflichen Schwierigkeiten ist, nicht mangelndes Talent oder fehlender Wille, sondern ein tiefes Zweifeln an sich selbst, das sich über die Zeit festgesetzt hat.

Die Diagnose ändert das nicht von heute auf morgen, aber sie gibt diesem Erleben einen anderen Rahmen. Nicht 'Ich bin so', sondern 'Mein Gehirn funktioniert so.' Das erleben viele Menschen als sehr entlastend.

Und die Lebenserwartung?

Im Zusammenhang mit ADHS denkt man jetzt nicht als erstes an eine verkürzte Lebenserwartung, oder? Langzeitstudien von Russell Barkley zeigen jedoch, dass Menschen mit unbehandelter ADHS eine statistisch verkürzte Lebenserwartung haben können, im Schnitt um mehrere Jahre. Das liegt nicht an der ADHS selbst, sondern an ihren Folgen: ein erhöhtes Risiko für Unfälle, risikoreiche Verhaltensweisen und Suchterkrankungen, aber auch an den körperlichen Auswirkungen von chronischem Stress, schlechtem Schlaf und den Begleiterkrankungen, die sich über die Jahre aufschichten.

Das ist keine Panikmache, sondern ein Argument dafür, die ADHS als das zu nehmen, was sie ist: eine neurologische Besonderheit mit realen, messbaren Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensqualität, die ernst genommen werden muss und behandelt werden kann.

ADHS ist nicht schlimm. Aber eine unerkannte ADHS kann es sein.

Der Unterschied liegt nicht in der Diagnose selbst, sondern darin, was man mit ihr anfangen kann.

Wer weiß, dass die Ursache für all diese Probleme eine ADHS ist, kann Strategien entwickeln, die wirklich passen und entscheiden, ob Medikation sinnvoll ist. Und kann dann aufhören, sich selbst die Schuld zu geben. Das ist keine Kleinigkeit, sondern steigert die Lebensqualität enorm.

Wenn du dich in diesem Artikel erkennst, lohnt es sich vielleicht, dieser Frage nachzugehen. Worauf du bei der Suche nach einem Diagnostikplatz achten solltest, kannst du im verlinkten Artikel nachlesen.

Quellen

Barkley, R.A. & Fischer, M. (2019): Hyperactive Child Syndrome and Estimated Life Expectancy at Young Adult Follow-Up. Journal of Attention Disorders, 23(9), 907–923. DOI: 10.1177/1087054718816164

Carl, C., Ditrich, T., Koentges, K. & Matthies, S. (2022): Die Welt der Frauen und Mädchen mit ADHS. Kohlhammer.

Krause, J. & Krause, K.H. (2014): ADHS im Erwachsenenalter. Schattauer.

Lachenmeier, J. (2020): Mit ADHS erfolgreich im Beruf. Springer.

S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. AWMF, 2018.